20. August 20103 Kommentare

Die Vermessung der literarischen Welt

Der Kritiker bewegt sich bei seiner Arbeit auf einem dünnen Eis: Lobt er zuviel, wird ihm seine fehlende Schärfe vorgeworfen, lobt er zu wenig, gilt er als destruktiv und tritt den Autoren gehörig auf die Füße. „Lob. Über Literatur“  heißt auch das Buch von Daniel Kehlmann, der genauso gern selber schreibt wie er über das Schreiben seiner Kollegen Kritiken verfasst. Wie das die Literaturkritiker sehen? Wir haben uns umgehört: Ulrich Rüdenauer über die Rolle des Kritikers.

Die Vermessung der literarischen Welt
Von Ulrich Rüdenauer

Das Donnerwetter hatte sich schon angekündigt. „Siegfried rief an heute Morgen und teilt mit, dass von R-R eine ganz negative Kritik morgen in der FAZ publiziert werde.“ Martin Walsers Frau Käthe redet ihm anschließend ins Gewissen, er solle sich die FAZ doch besser nicht kaufen – „was sollst du dich belasten auf der ganzen Fahrt nach Frankfurt“. Aber es geht ja nicht: Man muss schwarz auf weiß lesen, was sonst in der Fantasie unerträgliche Blüten treiben würde. Weder Verleger Siegfried Unseld noch Ehefrau Käthe können Martin Walser von der Lektüre der Reich-Ranicki-Besprechung seines Buches „Jenseits der Liebe“ abhalten. „Jenseits der Literatur“ lautet die nicht gerade zimperliche FAZ-Überschrift. Alles weitere ist mit dem Wörtchen Vernichtung noch gelinde ausgedrückt. Reich-Ranicki langt kräftig zu: Seine Rezension kommt Walser wie eine Verbannung aus der Autorschaft, ja, aus der Kunst überhaupt vor. Hundert Seiten lang leidet er in seinem Tagebuch aus dem Jahr 1976 unter diesem Verriss; hundert Seiten lang ersinnt er Rachepläne, sucht Trost, verzweifelt an sich und dem Literaturbetrieb. Wir kennen die Folgen – eine richtige Freundschaft sollte Reich-Ranicki und Walser nie mehr verbinden, und im skandalträchtigen Roman „Tod eines Kritikers“ zahlt er es seinem Scharfrichter dann literarisch mehr oder minder subtil heim.

Das Verhältnis zwischen Autoren und Kritikern ist ein prekäres. Schriftsteller wollen bewundert und geliebt werden. Sie sind empfindsame Seelen, zugänglich für gutes Zureden und wohlmeinende Worte; pikiert und auf Jahre hin beleidigt, wenn in einem Nebensatz ein kritischer Einwand gegen ihr Werk vorgebracht wird. Dabei behaupten Autoren gerne, eine „konstruktive Auseinandersetzung“ mit ihren Büchern würde ihnen weiterhelfen. Allerdings möchte man nach Erscheinen einer solchen konstruktiven Auseinandersetzung dem Autor nicht in geselliger Runde begegnen – es soll auch schon mal der Inhalt eines Weinglases im verdutzten Gesicht eines Kritikers gelandet sein. Das ist allerdings die große Ausnahme. Meist sind es hasserfüllte Blicke, die ihn treffen.

Seltener kommt es vor, dass Schriftsteller der Kritik Laschheit vorwerfen und ihr Beißhemmung unterstellen, wie es die Autorin Sibylle Lewitscharoff kürzlich getan hat: Auch der „schlachtbereite Kritiker“ halte sich zurück, schreibt Lewitscharoff, „den vollen Becher seines Zorns und seiner Enttäuschung über einem Buch zu leeren, wenn er dem Menschen, der es geschrieben hat, einmal, zweimal, gar öfter begegnet ist“. Außerdem herrsche auf Seiten der Rezensenten kein Mangel an faden Charakteren, die zum Erkennen echter Literatur weder Sensorium noch Intelligenz besäßen.

Eine Konsequenz aus dieser Bestandsaufnahme könnte sein, dass der Autor selbst zum Kritiker wird. Vor allem in angelsächsischen Ländern ist das ja gang und gäbe. Da schreiben Kollegen über Kollegen, auf Augenhöhe und ohne falsche Scham, und manchmal hackt die eine der andern Krähe sogar ein Auge aus. Als in Deutschland die literarische Kritik ihre erste Hochzeit erlebte, in der Romantik, da sollte sie sogar als eine eigenständige Kunstgattung gelten: „Poesie kann nur durch Poesie kritisiert werden“, schrieb Friedrich Schlegel 1799. „Ein Kunsturteil, welches nicht selbst ein Kunstwerk ist, hat gar kein Bürgerrecht im Reiche der Kunst.“ Und Martin Walser, der sein Leiden am mangelnden Gespür der Rezensenten wie kaum jemand sonst öffentlich macht, zieht noch eine ganz andere Schlussfolgerung aus diesem ewigen Missverständnis zwischen den beiden Berufsgruppen: Für ihn hat nur das Loben Berechtigung; ansonsten habe man gefälligst zu schweigen. Damit ist er gar nicht so weit von Elke Heidenreich entfernt, bekanntlich selbst eine ambitionierte Autorin: „Ich finde, die Kritik soll in erster Linie tatsächlich erzählen, um was es in einem Buch geht, damit der geneigte Leser entscheiden kann, ob ihn das, was nun folgt, eigentlich interessiert.“ In ihrer Fernsehsendung „Lesen!“ tat sie das ausgiebig, meist mit dem literaturkritischen Fazit: „Das ist ein schöner Roman, Sie müssen ihn unbedingt lesen!“

Auch Daniel Kehlmanns neues Buch ist dem „Lob“ verpflichtet. Zwar findet er in seinen essayistischen Besprechungen berühmter Kollegen wie Philip Roth, Truman Capote oder Thomas Bernhard etliche Haare in der Suppe, aber im Prinzip munden ihm die Werke der anderen doch sehr. Aus der Position des Großschriftstellers heraus verteilt er gönnerhaft Zensuren. Das Selbstbewusstsein scheint beim Verfasser der „Vermessung der Welt“ mit der Höhe der Auflage zu wachsen, und zwar enorm. An Kehlmanns Essays kann man aber noch etwas anderes lernen: Wenn Autoren über Autoren schreiben, dann schreiben sie eigentlich über sich selbst. In der Konfrontation mit dem Werk des Kollegen wird die eigene Poetik reflektiert. Das ist manchmal spannend, manchmal selbstgefällig, oftmals von großer Eitelkeit getragen. Aber eine fundierte, aus der Distanz wirkende Literaturkritik von beherzten Charakteren ersetzt das „Lob“ eines Autors dann eben doch nicht.

Ulrich Rüdenauer, 1971 in Bad Mergentheim geboren, arbeitet als freier Journalist für Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunk.




3 Kommentare zu diesem Beitrag

    Ich frage mich nur, warum der Kritiker als solcher nicht einfach nur “Geburtshelfer” guter Literatur sein sollte. Was gibt es für einen Grund, schlecht über Bücher zu schreiben? Die, die nicht gut rezensiert werden, kaufen die Leute doch eh weniger. Ich glaube, Kritiker, die gern über Bücher herziehen und sie “zerreißen”, sind sadistisch veranlagt.

  • Das ist doch Quatsch. Der Job eines Kritikers ist dem eines Schiedsrichters beim Fußball ähnlich. Und der darf doch auch die rote Karte zeigen, wenn jemand sich daneben benimmt.

  • Also wenn Herr Rüdenauer Bücher bespricht, ist das das kritische Handwerk, aber wenn Kehlmann das gleiche tut, verteilt er “gönnerhaft Zensuren”? Wieso bitte? Heißt das nicht nur, daß Herr Rüdenauer Herrn Kehlmann verbieten möchte, Bücher zu besprechen, damit ihm keiner den Job wegnimmt? Was ist mit Herrn Rüdenauers Selbstbewußtsein. Kehlmann hat immerhin ein Werk vorgelegt. Und Rüdenauer?

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