22. September 20100 Kommentare
Es geht auch ohne?
In der Schweiz steht das Thema Buchpreisbindungsgesetz noch immer auf der politischen Tagesordnung. In zwei Monaten, in der so genannten Wintersession des eidgenössischen Milizparlaments, werden National- und Ständerat erneut über einen Entwurf zu einem Preisbindungsgesetz nach deutschem und österreichischem Vorbild debattieren. Beide Kammern haben einem solchen Gesetz grundsätzlich zugestimmt. Jetzt müssen die Parlamentarier der beiden Räte noch einen Konsens finden über die einzelnen Artikel. Die Gegner der Preisbindung versuchen, mit einem Trick das Gesetz doch noch auszuhebeln. Indem der Onlinehandel von der Preisbindung ausgenommen werden soll, was die Preisbindung faktisch wieder aushebeln würde. Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV, kämpft für die Wiedereinführung der Buchpreisbindung.
Es geht auch ohne. Seit bald drei Jahren gibt es in der gesamten Schweiz keine Buchpreisbindung mehr. Der Buchhändler bestimmt die Preise, wie der Metzger für seine Wurst auch. Und viele jubeln: Super! Freier Markt! Jetzt auch für Bücher! Es frohlocken die meisten Vertreter der ehemaligen Bauernpartei SVP, deren Klientel jährlich Milliardensubventionen einstecken und die Milch landesweit zum fast identischen Preis verkaufen; die wirtschaftsliberalen Vertreter der Bankenbranche, die mit Unsummen gerade vor der totalen Pleite gerettet worden ist und faktische Staatsgarantie geniest; die Wirtschaftsredaktoren, deren Zeitungen an allen Kiosken gleichviel kostet und sich den Postvertrieb durch den Staat mitfinanzieren lassen; oder die Konsumentenstimmen, die seit Jahren fordern, die Preise in der Schweiz müssten runter auf Euroniveau, selber aber doppelt so viel verdienen wie Berufskollegen in den Nachbarländern.
Es geht auch ohne. Natürlich gibt es auch andere Instrumente der Kulturförderung als die Buchpreisbindung, die Wirkung erzeugen. Und die Preisbindung ist auch kein Allerheilmittel, kein Patentrezept für blühende Buchhandelslandschaften, kein Garant für immerwährende Qualität und schon gar keine Hängematte, in der es sich die Branche bequem machen kann. Aber sie hilft erwiesenermassen mit – und das ist aus den Entwicklungen in Märkten, wo die Preisbindung aufgehoben worden ist wie Grossbritannien oder der Westschweiz schwarz auf weiss nachgewiesen – die Preise übers gesamte Sortiment tiefer zu halten und Vielfalt der verkauften Titel zu fördern. Kommt dazu, dass es das einzige staatliche Kulturfördermittel ist, welches den Steuerzahler keinen Franken kostet. Die Quersubventionierung sorgt dafür, dass nur die tatsächlichen Käufer bezahlen, und zwar die Biss-Roman- und Dan-Brown-Leserinnen und Leser etwas mehr für ihre Bücher, als sie im freien Markt beim Buchdiscounter dafür hinblättern müssten. Dafür kosten die restlichen 80 Prozent aller andern Titel weniger, und werden im Buchhandel auch noch geführt und ausgestellt.
Das sind Fakten. Doch die zählen wenig. Das Buchpreisbindungsthema, das zeigt die Debatte in der Schweiz deutlich, ist letztlich eine ideologische Diskussion. Die Grundfrage lautet: Wie viel wert ist uns die Buchkultur. Ist sie es uns wert – wie in Deutschland, Österreich oder Frankreich beispielsweise gesetzlich festgehalten und von EU wie EFTA ausdrücklich anerkannt, dass der „Schutz der Stellung von Büchern als Kulturgut die Beschränkung des freien Warenverkehrs rechtfertigt“ – mit Hilfe eines kleinen Eingriffs auf Handelsseite? Oder sind Bücher letztlich ein Konsumprodukt wie jedes andere, ohne Anspruch auf Sonderbehandlung? Es geht auch ohne. Die Frage ist nur, mit welchen Folgen.
Dani Landolf (Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV)
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