29. März 20110 Kommentare
Kein Lieblingsdokument für Judith Holofernes: Die Bild-Zeitung
Jeder kennt sie, die Bild-Anzeigenkampagne „Bild dir deine Meinung“, in der prominente Köpfe wie Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker oder Mario Barth ihre Meinung zu der auflagenstärkste Zeitung Deutschlands sagen. Nun hat die Werbeagentur Jung von Matt, die die Kampagne entwickelt hat, „Wir sind Helde“ gefragt, ob sie an der Kampagne teilnehmen würden. Der Deal: BILD spendet in Namen jedes teilnehmenden Prominenten 10.000,– Euro an einen von ihm zu bestimmenden Zweck. Und hier die Antwort von Judith Holofernes:
Liebe Werbeagentur Jung von Matt, bzgl. Eurer Anfrage, ob wir bei der aktuellen Bild-Kampagne mitmachen wollen:
Ich glaub, es hackt.
Die laufende Plakat-Aktion der Bild-Zeitung mit so genannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere (Auch kritischem! Hört, hört!) von so genannten Prominenten (auch Kritischen! Oho!) ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit unter gekommen ist. Will heißen: nach Euren Maßstäben sicher eine gelungene Aktion.
Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick… Aber irgendwie geht das eigentlich nicht, ne, weil ist ja irgendwie unter meinem Niveau/evil/ zu sichtbar berechnend… Und dann kommt ihr, liebe Agentur, und baut diesen armen gespaltenen Prominenten eine Brücke, eine wackelige, glitschige, aber hey, was soll‘s, auf der anderen Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gummibärchen. Ihr sagt jenen Promis: wisst ihr was, ihr kriegt einfach kein Geld! Wir spenden einfach ein biss chen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spendet, der kann kein Ego haben, verstehste? Und außer dem, pass auf, jetzt kommt‘s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT! Und dann denken sich diese Promis, im Rahmen ihrer Möglich keiten, irgendeine pseudo-distanziertes Gewäsch aus, irgend was „total Spitzfindiges”, oder Clever-Unverbindl ches, oder Überhebliches, oder… Und glauben, so kämen sie aus der Nummer raus, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und haben trotz dem unheimlich viele saudumme Menschen er reicht! Hurra.
Auf der anderen Seite, das er klärt sich von selbst, der Rezipient, der saudumme, der sich denkt: Mensch, diese Bild-Zeitung, die traut sich was.
Und, die dritte Seite: Ihr, liebe jung dynamische Menschen, die ihr, zumindest in einem sehr spezialisierten Teil eures Gehirns, genau wisst, was ihr tut. Außer vielleicht, wenn ihr auf die Idee kommt, „Wir sind Helden” für die Kampagne anzufragen, weil, mal ehrlich, das wäre doch total lustig, wenn ausgerechnet die…
Das Problem dabei: ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt, dass es kein „Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.
Die BILD-Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-Kulturgut und kein harmloses „Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild-Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigent lich viel schlaue ren Deutsch lands.
Die Bild-Zeitung ist ein gefährliches politisches Instrument – nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.
In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: ich glaub es hackt.
Mit höflichen Grüßen,
Judith Holofernes
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Kategorie: Bild-Dokument

