15. Dezember 20100 Kommentare
Mein Navi und ich
Navis sind heute selbstverständlich. Dass damit eine ganze Landkartenkultur ins Wanken gerät, machen wir uns selten bewusst. Auch nicht, dass wir mit unserem Navi, anders als mit einer Straßenkarte, zwangsläufig eine Beziehung eingehen. Was bedeutet das für unser emotionales Gleichgewicht? Welche Rolle spielt das Navi in unserem Leben? Wir haben uns umgehört: Harald Martenstein macht sich Gedanken über den Beziehungspartner Navi.
Angeblich gibt es auch männliche Anrufbeantworter. Aber die sind selten. Alle Anrufbeantworter, mit denen ich es bisher zu tun hatte, besaßen jedenfalls weibliche Stimmen.
Mit den Navigationssystemen im Auto hat die Technik endlich zwei verschiedene Geschlechter bekommen. Die Dinge werden uns ähnlicher. Navis sind nicht einfach nur Navis. Navis sind Männer oder Frauen.
Wenn man darauf achtet, findet man schnell heraus: Männer haben meistens Navis mit weiblichen Stimmen. Frauen bevorzugen es, von Männerstimmen durch den Verkehr geleitet zu werden. Es sind fast immer Pärchen, da in den Autos. Das sind richtige Beziehungen.
Als Macho könnte man sagen: Ein Navi widerspricht einem nicht, es verlangt keine Beziehungsgespräche, es stellt keine unerwarteten Ansprüche, es tut seinen Job, und damit basta. Aber so einfach ist es nicht. Ein Navi macht klare Ansagen. Es sagt, was es will. Und es gibt keine Ruhe, bist du es tust. Wenn du nicht links abbiegst, obwohl du es solltest, dann wird dieses Verhalten nicht etwa akzeptiert. Nein, es heißt dann wieder und wieder: „Biegen Sie links ab.“ Navis versuchen, ihren Partner zu erziehen, obwohl jeder Beziehungsratgeber davon abrät. Sie sind berufstätig. Sie sind karrierefixiert. Es sind starke Frauen. Hinterher sagen sie nicht „danke“ oder „es war schön“. Bestenfalls heißt es: „Sie haben ihr Ziel erreicht.“
Manchmal ändere ich während einer Fahrt spontan mein Ziel, und lasse das Navi mit seiner alten Programmierung einfach weiterreden. Das Navi versucht immer wieder, mich in die andere, alte Richtung zu bugsieren. Es bleibt natürlich kühl und emotionslos. Trotzdem glaube ich manchmal, so etwas wie Wut oder Verzweiflung aus der Stimme herauszuhören, wenn ich zum fünften Mal falsch abbiege. Diese Emotionen sind nur in meinem Kopf vorhanden – trotzdem spüre ich sie genau!
Ich glaube, dass die wenigsten Leute sich wundern würden, wenn irgendwann ihr Navi anfinge, richtig mit ihnen zu reden. Vielleicht hat man sogar eine Sehnsucht danach. Diese kühle, beherrschte Person, die sich durch nichts provozieren lässt, aber auch keinen Millimeter von ihren Forderungen abrückt, das ist eine ganz harte Nuss.
Über das Verhältnis von Frauen zu ihrem Navi kann ich nur Vermutungen anstellen, da kenne ich mich nicht aus. Dass Männer ihren Navis Frauenstimmen geben, ist jedenfalls ein gutes Zeichen. Sie kommen mit modernen, selbstbewussten Frauen klar, obwohl sie, für das gleiche Geld, auch eine männliche Kumpelstimme hätten kriegen können, Gunther Gabriel oder so was. Man verbringt doch immerhin viel Zeit zusammen. Manche Männer, die beruflich stark eingespannt sind, hören öfter die Stimme ihres Navi als die Stimme ihrer echten Partnerin.
Nicht wenige Leute geben ihren Navis sogar Namen. Ich kenne einen Karl, einen Manfred, eine Chantal und eine Susi. Die Männernamen tendieren also zum Traditionellen, Kernigen. Navimänner haben Namen wie Dachdeckermeister. Vielleicht spielt bei den Frauen, die ihr Navi „Manfred“ nennen, die Erinnerung an ihren einstigen Fahrlehrer eine Rolle. Fahrlehrer sind Manfreds, die heißen irgendwie nicht Estebán oder Florian. Die Namen der Navifrauen dagegen klingen nach Friseurin oder Nagelstudio, es sind keine typischen Akademikerinnen- oder Oberschichtnamen. Eine Frau, von der ein Mann sich dominant durch den Straßenverkehr dirigieren lässt, soll offenbar nicht auch noch so ähnlich heißen wie seine Chefin. Es ist sowieso schwer genug.
Kategorie: Dokumentiert

