15. November 20100 Kommentare
Und was lesen Sie so, Pater Anselm?
Bücher bewegen, verändern, inspirieren uns. Welche Bücher das sind, hängt von uns, unserer Lebensphase, unseren aktuellen Themen ab. Pater Anselm Grün ist erfolgreicher Autor, spiritueller Ratgeber und Mönch in der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach. Wir haben ihn gefragt, welche Lektüre ihm ans Herz gewachsen ist – und warum.
Seit 46 Jahren lebe ich als Mönch in einem Benediktinerkloster. In all diesen Jahren wurde ich nicht müde, immer wieder die Regel des hl. Benedikt zu studieren, die nun schon fast 1.500 Jahre alt ist. Nach Abschluß meines Theologiestudiums kam der Abt auf die Idee, mich zum Cellerar, zum wirtschaftlichen Leiter des Klosters zu machen. Zwei Jahre Betriebswirtschaftsstudium halfen mir, mich für diese Aufgabe vorzubereiten. Seit 33 Jahren bin ich für die Wirtschaft mit unseren 20 Betrieben, einer großen Schule und einem Gästehaus mit insgesamt 300 Mitarbeitern verantwortlich.
In dieser Zeit ist mir natürlich das Kapitel über den Cellerar ans Herz gewachsen. Einzelne Sätze aus diesem Kapitel sind mir eine wichtige Richtschnur für mein Handeln geworden. Zwei Sätze sind es vor allem, die mich immer wieder herausfordern, an mir zu arbeiten. Benedikt sagt: „Er wache über seine Seele.“ Das heißt für mich, morgens bevor ich in die Verwaltung gehe, mich zu überprüfen: Gehe ich gerne in die Verwaltung? Bin ich im Einklang mit mir selbst und mit den Mitarbeitern? Oder stecken noch Ärger, Bitterkeit oder Enttäuschung in mir? Wenn ich auf solche Gefühle stoße, dann heißt das: Ich muss mich innerlich reinigen. Durch Meditation versuche ich dann, die negativen Gefühle zu klären. Ich fühle mich verantwortlich für die Stimmung, die ich verbreite. Wenn meine Seele unaufgeräumt ist, werde ich auch Chaos bei den Mitarbeitern verursachen. Wenn meine Seele getrübt ist, werde ich die Stimmung um mich herum trüben. So ist die Verwaltungsaufgabe, die manchen als rein weltliche Aufgabe erscheint, für mich eine spirituelle Herausforderung.
Das zweite Wort, das mich bewegt: „Vor allem habe er Demut. Kann er einem Bruder nichts geben, dann schenke er ihm wenigstens ein gutes Wort. Es steht ja geschrieben: Ein gutes Wort geht über die beste Gabe. (Sir 18,16f)“ Wer das Geld hat, hat auch die Macht. Das gilt im Kloster genauso wie in der Welt. Umso wichtiger ist für mich die Haltung der Demut. Ich stelle mich nicht über die andern. Demut heißt für mich: Mut, meine eigene Menschlichkeit anzunehmen, und die Fähigkeit, mit beiden Füßen am dem Boden zu stehen. (humilitas – Demut kommt von humus – Erde). Und es geht darum, gute Worte zu sprechen. Ich erschrecke oft, wie in manchen Firmen eine aggressive Sprache gesprochen wird, eine entwertende, verletzende, vorwurfsvolle und kalte Sprache. Benedikt mahnt mich, auf meine Sprache zu achten. Wir führen durch die Sprache. Die Kirchenväter sagen: Wir bauen mit unserer Sprache ein Haus. Mit einer kalten und aggressiven und bewertenden Sprache bauen wir ein Haus, in dem keiner sich zuhause fühlt, in dem niemand gerne arbeitet. Gegenüber dieser kalten Sprache spricht die Bibel von einer wärmenden Sprache. An Pfingsten kommt der Hl. Geist in Feuerzungen herab. Das meint eine andere Sprache: eine Sprache, bei der ein Funke überspringt, bei der die Herzen warm werden. So versuche ich, immer auf meine Sprache zu achten, damit ich mit meinen Worten ein Haus baue, in das die Mitarbeiter gerne eintreten und gerne verweilen, um ihr Herz an die Arbeit zu hängen.
Bei uns wird die Regel jeweils beim Abendessen vorgelesen, so dass sie im Jahr dreimal wiederholt wird. Immer wenn das Kapitel über den Cellerar gelesen wird, ziehe ich den Kopf ein, weil ich weiß, dass ich dem Anspruch der Regel nie ganz entspreche. Aber zugleich spüre ich auch die gute Herausforderung, immer wieder an das erinnert zu werden, was ich in meiner Aufgabe als Cellerar verwirklichen möchte: Leben in den Mitarbeitern zu wecken, ein Haus zu bauen, das einlädt, miteinander voller Engagement und Herzblut zu arbeiten.
Kategorie: Dokumentiert

